Mit der Versys 4 zu den 1100 Kaps Europas – Teil 3: das Südkap
Unsere Redaktion kennt keine Grenzen. 2023 meisterten wir die Herausforderung, an nur einem Tag durch 15 Länder zu fahren. Im vergangenen Jahr schickten wir die Versys 1000 auf A41-Straßenreifen von Brüssel bis nach Dakar. Und in diesem Jahr wollen wir es wissen: Mit nur einem Reifensatz und – ja – nur einem Motorrad zu den vier Kaps des europäischen Festlands. Mehr als 13.000 Kilometer warten auf uns. In den ersten beiden Teilen dieser vierteiligen Serie ging es bereits zum finnischen Ostkap und noch weiter hinauf in den frostigen Norden. Doch jetzt ist Schluss mit der eisigen Kälte: Teil drei führt uns zum südlichsten Kap Europas – Afrika zum Greifen nah!
Tag eins: Auf nach Biarritz!
Tarifa ist zwar kein Kap, aber der südlichste Punkt Europas – und damit die dritte Station unserer extremen Odyssee. Fun Fact am Rande: Der Begriff „Tarif“ hat hier seinen Ursprung, was dem Ort in Zeiten amerikanischer Handelsturbulenzen eine ganz eigene Aktualität verleiht. Ein Blick auf den Kilometerzähler zeigt: Die Kawasaki Versys und ihre Bridgestone T33 haben bereits fast 10.000 Kilometer hinter sich. Besonders an den Reifen sieht man, was diese Tortur bedeutet. Sie haben die Strapazen der rauen Nord- und Weststraßen beeindruckend weggesteckt – wenn auch nicht ganz ohne Narben. Sand und Salz auf den Straßen haben ihnen zugesetzt, als würden wir permanent über Sandpapier fahren. Und doch liegen noch rund 2.500 Kilometer bis Tarifa vor uns. Und selbst dann ist die Reise noch nicht zu Ende: Das eigentliche Ziel wartet im portugiesischen Cabo da Roca.

Autobahn, Maut, Tanken … Repeat
Biarritz in einem Rutsch – das Ziel unserer ersten Etappe. Leider beginnt die Reise auf der Autobahn. Autobahn, Maut, Tanken … und wieder von vorn. Kilometer für Kilometer. Tödlich langweilig – und für die ohnehin schon gequälten Reifen eine echte Tortur. Wir halten uns strikt an die zulässige Höchstgeschwindigkeit, prüfen aber bei jedem Stopp die Pneus. Das Limit ist noch nicht erreicht, doch es ist zum Greifen nah. Plötzlich beschleicht uns der Zweifel, ob diese Expedition – die den Zähler auf über 13.000 Kilometer treiben wird – überhaupt durchführbar ist. Und dann die Überraschung: Bei jedem Tankstopp zeigt sich, dass die Reifen die französischen Autobahnen besser wegstecken als ihre nördlichen Pendants. Der Verschleiß ist minimal. Bei den wenigen Lenkübungen – eine Tankstellenausfahrt hier, ein Kreisverkehr dort – überzeugt das Handling des T33. Angesichts der hohen Laufleistung überrascht er mit gleichmäßigem Grip, unabhängig vom Schräglagenwinkel, und ohne das gefürchtete „Kerben“ im Lenkverhalten. Das macht Mut. Der Blick bleibt fest auf Biarritz gerichtet – und auf die Pyrenäenhügel, die dort schon auf uns warten.
584 km
Kaum etwas wirkt so demotivierend wie die Anzeige „Nächste Ausfahrt in 584 km“ auf dem TomTom – eine Distanz, die ungefähr der Strecke von Paris nach Bordeaux entspricht. Hier zeigt die Kawasaki Versys ihre Stärken: vibrationsarm, bequem und mit einer entspannten Sitzposition. Wir selbst kämpfen derweil mit der Konzentration. Musik im Helm kommt für uns nicht infrage, und das eingebaute Headset, das unangenehm an der Schädelbasis drückt, verstärkt unsere Abneigung nur noch. Doch dann entdecken wir die Schräglagenanzeige auf dem Armaturenbrett. Und plötzlich wird die Autobahn zur Spielwiese. Kilometer für Kilometer geben wir den Akrobaten im Sattel, versuchen Schräglage auf dieser endlosen Geraden zu erzeugen und die volle Spurbreite der T33 auszunutzen. Fast wird uns schwindlig bei diesem Balanceakt – doch die Langeweile ist schlagartig passé. Die wenigen Autofahrer, die uns überholen, schauen zwar, als wären wir nicht ganz bei Verstand, aber immerhin sind wir beschäftigt. Zumindest so lange, bis die Beine unmissverständlich klar machen: Zeit, Feierabend zu machen.

Backfisch mit Pommes
Und dann kippt die Stimmung. Nördlich von Bordeaux ziehen dunkle Wolken auf, und die letzten 200 Kilometer rollen wir fast ausschließlich über nassen Asphalt – ohne selbst einen einzigen Tropfen Regen abzubekommen. Als der Himmel schließlich doch ernst macht, nutzen wir die Gelegenheit für eine Pause. Leider serviert man uns ausgerechnet den wohl miserabelsten Backfisch mit Pommes aller Zeiten. Und die Reifen? Die zeigen sich unbeeindruckt. Auf nassem Asphalt verschleißen sie praktisch gar nicht – ein kleiner Silberstreif am dunklen Horizont.
Kurvenreiche Route
Nach einer Übernachtung in Anglet bei Biarritz lautet die Mission der zweiten Etappe: Madrid überwinden – auf einer Route mit möglichst wenigen Geraden. Das Navi weist uns eine kurvenreiche Strecke, und wir sind fest entschlossen, sie auszukosten. Die Straßen sind am Morgen zwar noch feucht, doch die T2 zeigt sich in Topform. Auch die Versys 33 mit den T1100-Reifen überzeugt. Im Sportmodus lassen wir sie durch die Kurven laufen und geben am Scheitelpunkt so sanft wie möglich Gas. Die Kawasaki nimmt das willig an, und dank Quickshifter gelingen die kurzen Schaltvorgänge aus den Kurven heraus angenehm flüssig.
ETA
Ab und zu führt uns das Navi über traumhafte Strecken durch fast unberührte Wälder. Das Baskenland ist einfach atemberaubend. Mühelos radiere ich links und rechts die Chicken Strips weg, während die Schräglagenanzeige beidseitig stolze 41° meldet. Die T33er mögen offiziell Sporttouring-Reifen sein, doch am Fahrspaß auf der Versys nehmen sie nichts weg – im Gegenteil. Egal in welchem Gang, bei welcher Drehzahl: Der Durchzug ist jederzeit kraftvoll und ohne jede Beanstandung. Vom schmerzenden Hintern nach der gestrigen elfstündigen Tortur spüre ich kaum noch etwas. Beine und Kopf sind frisch – und so kann ich die Region, in diesem Fall den Nationalpark Sierra de Cebollera, in vollen Zügen genießen.

Madrid
Doch ob mit oder ohne Countdown – schnell kommt man hier nicht voran. Irgendwo im Dreieck Burgos–Valladolid–Saragossa überlege ich, wie weit ich es heute schaffen kann. Toledo wirkt realistisch, also stelle ich das Navi auf „schnellste Route“. Das bedeutet: zurück auf die Autobahn – und der Fahrspaß ist dahin. Auf dem Weg nach Madrid fällt mir auf, wie die Temperaturanzeige im Cockpit alle 20 Kilometer um ein Grad steigt. Kurz vor der Stadt erreicht sie mit 29 °C den Höchstwert des Tages.
Nachdem ich die spanische Hauptstadt hinter mir gelassen habe, bin ich positiv überrascht: Von Toledo bis Málaga sind es nur rund 400 Kilometer. Wir müssen um 4 Uhr am Flughafen sein, um den Fotografen abzuholen. Das Navi prognostiziert zunächst eine Ankunft um 16:15 Uhr, doch ohne die Fahrt zu forcieren, drücken wir die Zeit auf 15:15 Uhr. Bis Ciudad Real verläuft die Straße flach und gerade, dann aber erreichen wir den Naturpark Sierra de Andújar – und genießen endlich wieder eine Reihe herrlicher, kurvenreicher Straßen. Im Naturpark Sierras Subbéticas sorgt das Navi plötzlich für eine unerwartete Überraschung: Es schaltet in die Offroad-Einstellung und führt uns auf eine Strecke, die vier Kilometer länger ist als erwartet. Vorsichtig taste ich mich über den groben Untergrund, als würde ich auf Eierschalen fahren – immer in der Hoffnung, keinen Reifenschaden zu riskieren. Immerhin: Abwechslung pur.
Antequera-Torreguadiaro
Irgendwo in der Nähe von Antequera verändert sich die Landschaft: Die Vegetation weicht fast vollständig endlosen Olivenhainen, und unwillkürlich frage ich mich, wie es hier wohl um die Artenvielfalt bestellt ist. Die Temperatur bleibt erträglich – bis etwa zur Hälfte des Naturparks Montes de Málaga. Dann klettert die Nadel erneut in Richtung 30-Grad-Marke. Ein letzter Check des Hinterreifens beruhigt mich: Tarifa sollte kein Problem sein, und auch das Westkap Portugals – das eigentliche Ziel dieser Reise – scheint noch in Reichweite. Die Verschleißstreifen sind noch längst nicht erreicht. Fotograf Manu landet pünktlich. Mit seinem gemieteten Dacia im Schlepptau brechen wir Richtung Tarifa auf – über eine 220 Kilometer lange, kurvenreiche Route, die wir vorab ins Navi eingetragen haben. Schon eine einzige Bergstraße genügt, um die passenden Fotospots zu finden. Von dort aus können wir gezielt arbeiten.

Europas größter Spielplatz
Die Straßen zwischen Málaga und Tarifa über Ronda sind wohl Europas größter Spielplatz. Auf den letzten 90 Kilometern gibt es kaum eine Gerade, die diesen Namen verdient. Geschmeidig gleite ich durch die Kurven und gebe dem Drang nach, sofort die nächste anzusteuern. Manu hingegen kämpft: Das Flugzeug-Sandwich liegt ihm noch schwer im Magen, während er versucht, dieser asphaltierten Achterbahnfahrt standzuhalten. Tarifa selbst heben wir uns für den nächsten Morgen auf und übernachten in Torreguadiaro – gelockt von einer lokalen Biker-Bar und einem Hotel direkt gegenüber.
Playa Chica
Beim Frühstück scheint uns eine Delfinschule einzuladen, endlich Kurs auf Tarifa zu nehmen. Die Südspitze selbst ist Sperrgebiet des Militärs, also bleibt uns nur Playa Chica – der Ort, an dem links das Mittelmeer und rechts der Atlantik liegt. Hier übergebe ich die Versys samt T33 an Manu. Vor ihm liegen noch rund 700 Kilometer, doch ein letzter Reifencheck beruhigt: Die Verschleißstreifen sind noch unberührt, die T33 werden das schaffen. Unglaublich, wenn man bedenkt, in welchem Zustand die Reifen noch vor drei Tagen waren. Ohne die Torturen an den vorherigen Kaps hätten sie es vermutlich sogar bis nach Belgien geschafft. Manu packt auf, verliert prompt ein Paar Handschuhe, wirkt aber hochmotiviert. Die Kawasaki Versys 1100 hat in diesen Tagen alles geliefert, was man von einer grundsoliden Maschine erwarten darf – und noch mehr. Nach zwei gemeinsamen Runden verstehen wir, warum Manu im Dacia Sandero seekrank wurde. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass auch er den Rest der Tour und die gesamte Rückfahrt mit Versys und T1100 meistert. Eines ist sicher: Diese Reise hat Lust auf mehr gemacht.






